Besprechung des Titels: Geschichte und Geschichten
Geschichte und Geschichten

In der Regel präsentieren diakonische Einrichtungen wie andere Unternehmen eine historische Darstellung anläßlich eines Jubiläums oder eines anderen tiefgreifenden Ereignisses. Das gilt für die vorliegende Darstellung nicht, mit Stolz weisen die Herausgeber darauf hin, dass für die Veröffentlichung kein besonderer Anlass vorlag. Inhalt des Buchs ist der Veränderungsprozess bei der Betreuung und Pflege geistig oder sonst mehrfach behinderter Menschen zwischen 1945 und 1990, insbesondere die schrittweise Umwandlung der geschlossenen Anstalt zu einer offenen Einrichtung. Schon in den 70er Jahren begann der Veränderungsprozess, der dann zur Aufgabe des traditionellen Konzepts in den "Rotenburger Anstalten der Inneren Mission" führte, die sich konsequent in "Rotenburger Werke der Inneren Mission" umbenannten. Anstelle der Separierung der Behinderten trat ein Lebenshilfe-Konzept, das davon ausgeht, dass die Potenziale der Behinderten sich am besten entfalten, wenn ihre Umwelt so gestaltet wird, dass sie derjenigen der Nichtbehinderten möglichst nahekommt. Was das bedeutet, wird in mehreren Beiträgen dargestellt: Annette Hollmann berichtet über den prinzipiellen Wandel der Standards und Paradigmen in dieser Zeit; Manfred Heinemann beschreibt die allmähliche "Zivilisierung der Gewalt" in Behinderteneinrichtungen, die seit dem späten 18. Jahrhundert als Ort des "besonderen Gewaltverhältnisses" galten; er lässt aber offen, ob die Veränderungen im Umgang mit den betreuten Personen und damit die Verringerung der Gewaltausübung in den "Rotenburger Werken der Inneren Mission" sich eher aus den Veränderungen der staatlichen Normen ergaben oder ob sie primär eine Konsequenz aus Wünschen und Anstößen der Mitarbeiter waren.

Zu den grundsätzlich angelegten Aufsätzen kommen Texte hinzu, die die neuen Förderkonzepte darstellen, die den Aufbau einer eigenständigen Interessenvertretung der Heimbewohner beschreiben (beides von Raimond Reiter), und die die "Personalentwicklung" bei den Mitarbeitenden skizzieren, die diese Veränderungen mittrugen (Maria Kiss). Weitere Texte beschäftigen sich mit den Auswirkungen für die Institution, also mit den medizinischen Veränderungen (Dieter Wolff), mit der Infrastruktur bzw. der Baugeschichte (Jan Fitschen) sowie mit dem neu formulierten Selbstverständnis als "Diakonisches Unternehmen" (Manfred Schwetje). Das hatte weitreichende Konsequenzen für die Wirtschaftsverfassung, aber auch für die Öffentlichkeitsarbeit sowie generell für die Leitvorstellungen, die von Harald Jenner direkt als Motive für eine "Revolution" beschrieben werden. In erfreulicher Form kommen auch betreute Personen zu Wort, durch Interviews, Biographie, Bilder und Zeitzeugenberichte, die noch einmal den Wandel erkennen lassen. Insgesamt wird deutlich, dass die Veränderungen, die üblicherweise mit der Jahreszahl 1968 verbunden werden, hier konstruktiv umgesetzt wurden, weil die Mitarbeiter und die Leitung relativ bald den Handlungsdruck erkannten und gemeinsam einen Prozess einleiteten, der zur generellen Öffnung des ,grünen Tors' führte, das jahrzehntelang nur passiert werden konnte, wenn man dafür einen Passierschein besaß.

Eine Zeittafel, die auch die ältere Geschichte der "Rotenburger Werke" einschließt, ein Abdruck der Unternehmungsverfassung, dazu Lagepläne und Indices beschließen diese Veröffentlichung, die einen spannenden Einblick in die Zeitgeschichte ermöglicht.

Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte,  Jahrgang 109/2011



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