Prof. Dr. Günther J. Wiedemann

Besprechung des Titels: Harrisons Innere Medizin
Harrisons Innere Medizin

Er ist natürlich ein Klassiker, "der Harrison". Muss man ein Buch besprechen, das in der amerikanischen, fortlaufend aktualisierten Originalfassung seit 62 Jahren auf dem Markt ist und das in seiner 18. Auflage erneut auch in der sprachlich und inhaltlich auf den deutschen Sprachraum abgestimmten Ausgabe erschienen ist?

Die Antwort lautet: Ja. Denn alle Leitlinien, aktuellen wissenschaftlichen Publikationen, Kurzlehrbücher und Internetbeiträge können nicht ersetzen, wofür der Harrison steht: das gewachsene Wissen der allgemeininternistischen Medizin, das konsequent aus der Sicht des Klinikers aufbereitet ist. In einer Zeit der zunehmenden Spezialisierung auf immer enger umrissene Aspekte der Medizin bietet der Harrison einen Überblick. Natürlich kann ein Buch dieses Umfangs nicht tagesaktuell sein. Kritiker mögen ihm vorwerfen, es sei schon beim Erscheinen veraltet, obwohl in diesem Fall bis kurz vor dem Erscheinen noch aktuelle Studiendaten berücksichtigt wurden. Doch die Lektüre des Harrison hat eine andere Qualität: wer gründlich nachlesen möchte, wo er eigene fachliche Lücken realisiert, wer ein diagnostisches oder therapeutisches Problem hat, dem werden sich bei der Lektüre der entsprechenden Kapitel in diesem Standardwerk (das vor allem, aber nicht nur ein Nachschlagewerk ist) Zusammenhänge erschließen. Denn der Harrison gibt nicht nur Informationen, er ordnet auch die Gedanken.

Die Neuauflage kommt noch gewichtiger daher als bisher: 8 Kilogramm Buch, 500 zusätzliche Seiten, 60 % des Textbestandes sind neu. Über 300 renommierte Autoren und 3 Herausgeber aus der Berliner Charité bürgen für auch inhaltliches Gewicht. Mehr als 20 neue Kapitel und 300 zusätzliche Abbildungen tragen aktuellen Erkenntnissen und Entwicklungen Rechnung, darunter "Das menschliche Mikrobiom", "Biologie des Alterns" oder "Neuropsychiatrie der Kriegsheimkehrer". Alle Inhalte des Lehrbuchs nennen zu wollen, würde den Umfang einer Rezension sprengen. Erwähnt sei, dass neben eher grundsätzlich gehaltenen Kapiteln wie "Einführung in die Innere Medizin" und "Leitsymptome von Krankheiten" sowie den internistischen Teilgebieten wie Kardiologie, Infektiologie, Gastroenterologie, Nephrologie oder Onkologie/Hämatologie auch "exotischere" Themen besprochen werden, zum Beispiel "Terrorismus und Innere Medizin" oder "Höhenkrankheiten und Dekompressionskrankheit". Die Vielfalt der Themen macht deutlich, dass der Harrison sich zwar vorwiegend, aber nicht nur an Internisten richtet. Nachbargebiete wie Neurologie, Dermatologie oder Urologie werden inhaltlich mit einbezogen. Die beeindruckenden Fortschritte der Forschung im Bereich der molekularen Medizin haben zu einer grundlegenden Überarbeitung der genetischen und pathophysiologischen Grundlagen sowie der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten (Stichwort "targeted therapies") vieler Krankheitsbilder geführt. Besonderheiten der Diagnostik und Therapie im deutschen Sprachraum, die vom amerikanischen Original abweichen, werden durchgängig kenntlich gemacht.

Neben den gedruckten Inhalten gibt eine persönliche Registrierungsnummer, die man zu Beginn des ersten Bandes freirubbeln kann, Zugang zum Online-Angebot des Harrison. Es besteht aus 57 elektronischen Zusatzkapiteln, auf die im Buch verwiesen wird, über 2000 Dateien der Abbildungen und umfangreichem Videomaterial. Hier gibt es beispielsweise einen "Atlas der Hautausschläge mit Fieber" oder einen "Videoatlas der Gangstörungen", aber auch Video-Tutorials diagnostischer Prozeduren wie Aszites- oder Pleurapunktionen. Da der Online-Zugang bis ein Jahr nach Erscheinen der 19. Auflage garantiert wird, ist trotz der Aktualitätsprobleme, die alle Printprodukte gemeinsam haben, zumindest bezüglich der elektronischen Begleitinhalte Aktualität über den Tag hinaus gewährleistet.

Klinikarzt,  12/2012



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