M. St. Pierre

Besprechung des Titels: Fokus Patientensicherheit
Fokus Patientensicherheit

Das vorliegende Buch ist die deutschsprachige Übersetzung des 2008 unter dem Titel "Understanding Patient Safety" erschienenen Buchs von Robert M. Wachter. Wachter, Associate Professor für Innere Medizin an der University of South California und Herausgeber des Journals der "Agency for Healthcare Research and Quality" (AHRQ), hat seine jahrzehntelange Erfahrung in einem überschaubaren und zugleich sehr umfassenden Buch zusammengetragen.

Übersetzt und herausgegeben wird das Buch von einem Team aus drei, jeweils in einem anderen Beruf beheimateten Personen: einem Anästhesisten, einem Pädagogen und einem Risikomanager. Trotz der Mitherausgeberschaft durch einen Anästhesisten ist dieses Buch nicht ausschließlich für Akutmediziner geschrieben, sondern hat den Anspruch, allen Leserschichten nützlich zu sein: dem erfahrenen Arzt, der mehr über die neuen Denkansätze in der Medizin lernen möchte, der Medizinstudentin oder dem Auszubildenden in der Krankenpflege, die sich in den Themenbereich der Patientensicherheit einlesen wollen, bis hin zum Risiko-Manager, der sich in seinem Job verstärkt mit den Sicherheitsbemühungen in seinem Klinikum beschäftigen muss. Dieser weite Horizont macht aber gerade den Charme aus, den das Buch für Anästhesiologen haben kann: Es weitet den Blick über das operative Setting hinaus und lässt erkennen, wie viele verschiedene Facetten das Thema Patientensicherheit aufzuweisen hat.

Das Buch ist in drei Hauptbereiche unterteilt. In der Einleitung (Teil I) erfolgt eine Einführung in Wesen und Häufigkeit medizinischer Fehler, und es werden die Hauptmodelle unseres modernen Verständnisses von Patientensicherheit diskutiert. Ein eigener Abschnitt beschäftigt sich mit der alltagsrelevanten Diskussion von Sicherheit und Qualität sowie Strategien zur Qualitätsverbesserung.

Teil II "Fehlerarten in der Medizin" gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Fehlerarten und veranschaulicht verschiedene Fehlertypen und Sicherheitsrisiken anhand konkreter Beispiele. Dabei orientiert sich die Gliederung weniger an kognitionspsychologischen als an klinischen Aspekten: Medikationsfehler, chirurgische Fehler und nosokomiale Infektionen bilden ebenso eigenständige Kapitel wie Fehler in der Teamarbeit oder der Faktor Mensch. Hier werden viele Präventionsstrategien bereits angeschnitten.

In Teil III "Lösungsansätze" folgt dann eine Übersicht über allgemeine Faktoren verschiedener Strategien, sowohl aus der Sicht einzelner Institutionen als auch aus einer breiteren gesundheitspolitischen Perspektive. Hier sind eine Diskussion über Meldesysteme, Informationstechnologie und Sicherheitskultur ebenso zu finden wie Aspekte der Ausbildung oder medikolegale Aspekte.

Literaturangaben und weiterführende Literatur schließen jedes einzelne Kapitel ab. Den Schluss des Buches bildet eine Übersicht über wichtige Bücher, Reports, Serien und Websites zum Thema Patientensicherheit sowie ein umfangreiches Glossar und weitere hilfreiche Materialien.

Die Sprache ist allgemeinverständlich gehalten und verzichtet weitestgehend auf unnötigen Fachjargon, der eine unnötige Distanz zum Leser aufbauen würde. Fallbeispiele, Begrifflichkeiten und verwendete Literatur erinnern den Leser beständig daran, dass dieses Buch seinen Ursprung im angloamerikanischen Raum hat. Dieser Umstand schmälert den Wert des Textes jedoch keinesfalls, da einerseits die Herausgeber an vielen Stellen Parallelen zum europäischen Gesundheitssystem ziehen und andererseits grundlegende Prinzipien der Fehlerentstehung und Patientensicherheit ohnehin nicht an geographischen Faktoren gebunden sind. Einzig im Themenbereich des Deliktrechts und der ärztlichen Haftung beschränkt man sich auf eine Übersetzung und passt den Text nicht auf deutschsprachige Verhältnisse an. Um den ursprünglichen Text und inhaltliche Ergänzungen durch die Herausgeber unterscheiden zu können, sind Letztere im Text grau unterlegt und somit für den Leser leicht erkennbar.

Zusammenfassend ist "Fokus Patientensicherheit" ein lesenswertes und durch seine vielen Fallbeispiele sehr praxisnahes Buch, das jedem interessierten Kollegen empfohlen werden kann. Über den qualitativen Aspekt hinaus lädt der günstige Preis geradezu ein, sich das Buch umgehend zu bestellen.


Anästhesiologie & Intensivmedizin,  52. Jahrgang, März 2011



> Übersicht Rezensionen
> zurück
> Impressum