Besprechung des Titels: Fokus Patientensicherheit
Ein fesselnder Blick auf die Patientensicherheit

Die Diskussion über und das Bemühen um Patientensicherheit in Krankenhäusern und Praxen ist ein aktuelles Thema. Zahlreiche Initiativen haben sich gebildet. Vertreterinnen unseres Verbandes sind dabei, weil das Bemühen um eine Sicherheitskultur auch die Medizinischen Fachangestellten einschließen muss.

Bei der Suche nach einem "Handbuch für klinisches Risikomanagement und Sicherheitskultur" sind die deutschen Herausgeber im ABW Wissenschaftsverlag auf ein englischsprachiges Kompendium gestoßen. Sie haben es ins Deutsche übertragen und um praktische Fälle, parallele oder separate Entwicklungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ergänzt.

Das nun vorliegende Lehrbuch "Fokus Patientensicherheit" nimmt sich des Themas in einer fesselnden Sprache und mit lebendigen Beispielen an. Beginnend mit allgemeinen, globalen Aussagen zum Thema werden die Leser schnell sensibilisiert. So verweist der Autor auf den 1999 veröffentlichten Report des amerikanischen Instituts of Medicine "To Err is Human: Building a Safer Health System", wonach "[…] jährlich 44.000 bis 98.000 Amerikaner aufgrund medizinischer Fehler versterben […]" – Die Zahl der Todesfälle aufgrund von Kunstfehlern hatte in den USA eine Dimension erreicht, als ob dort jeden Tag ein Jumbo-Jet abstürzen würde.

Aber auch das ist zu lesen: "Es besteht heutzutage Einigkeit darüber, dass das Problem medizinischer Fehler prinzipiell kein Problem der ‚schwarzen Schafe’ ist (obwohl es sicherlich einige davon gibt), sondern eher eines von kompetenten Mitarbeitern, die in einem chaotischen System arbeiten, in dem Sicherheit keine Priorität genießt." (S. XI)

Der Autor erläutert, dass er mit diesem Buch die Grundprinzipien von Patientensicherheit einer breiten Leserschaft vermitteln möchte. Er will Beschäftigte im Gesundheitswesen aber auch Fachleute für Qualität, Sicherheit- oder Risikomanagement und Mitarbeiter der Krankenhausverwaltung ansprechen. Das gelingt ihm – bei hoher Faktendichte, in einer verständlichen und dennoch wissenschaftlichen Sprache. Selbst Spaß und Spannung kommen nicht zu kurz: So darf der Leser raten, welches Medikament auf einem abgebildeten Rezept verschrieben wurde.

Drei große Hauptbereiche zeigen die Komplexität des Themas: In der Einleitung geht es um die Epidemiologie von Fehlern, die Unterscheidung zwischen Sicherheit und Qualität. Hauptmodelle des Verständnisses von Patientensicherheit werden diskutiert, darunter das faszinierende Schweizer-Käse-Modell für Systemfehler.

Im Teil II werden unterschiedliche Fehlerarten, Fehlertypen und Sicherheitsrisiken veranschaulicht, Fachbegriffe vorgestellt. Medikationsfehler, Verwechslungsfehler, strukturierte Handlungsanweisungen, vergessene Fremdkörper, Fehler in der Diagnostik werden angesprochen. Auch individuelle Faktoren wie Risikobereitschaft des Arztes spielen eine Rolle, ebenso wie Hierarchien und die Fähigkeit, als Mitarbeiter Sicherheitsbedenken zu äußern.

Ein spezieller Abschnitt beschäftigt sich mit nosokomialen Infektionen – den häufigsten und tödlichsten Fehlern in der medizinischen Versorgung. Laut Autor entstehen diese Infektionen durch Abweichungen vom medizinischen Versorgungsstandard und sind damit medizinische Fehler, die durch strikte Einhaltung verschiedener Präventionsstrategien verringert werden können.

Aber auch andere Komplikationen wie Stürze oder venöse Thromboembolien kommen zur Sprache.

Der ambulanten Versorgung ist ein separater Abschnitt gewidmet. Hier werden Maßnahmen zur Vermeidung von Medikationsfehlern und zur Verbesserung des Managements von Untersuchungsergebnissen im ambulanten Bereich vorgeschlagen. Die Frage "Wie kann ich feststellen, ob mein Hausarzt Medikamente sicher verschreibt?" kann der Patient nach der Lektüre gut beantworten.

Teil III vertieft die Lösungsansätze und verschiedenen Strategien wie Informationstechnologien, Meldesysteme, Aufbau einer Sicherheitskultur bis hin zur Rolle der Medien. Thematisiert wird auch die fehlende Gesundheitskompetenz der Patienten, die zu heftigen Fehlern in der Medikamenteneinnahme führen kann, und eine wichtige kommunikative Aufgabe des medizinischen Personals offenlegt.

Packend bleibt das Buch auch über die Schlussfolgerungen hinaus bis zum Anhang. Neben dem Glossar und Verweisen auf Internetseiten, informiert die Chronologie von Hippokrates über Nightingale bis zum 1. nationalen CIRS-Forum über die Geschichte der Thematik. Außerdem werden Hinweise für Patienten und ihre Angehörigen zur Vermeidung von Fehlern im Krankenhaus oder Pflegeheim tabellarisch aufgelistet.


Fazit: Das umfassende Lehrwerk zum Thema "Patientensicherheit" schult alle am medizinischen System Beteiligten gründlich und verständlich und das in einer spannenden Sprache und bei einem moderaten Preis.

praxisnah,  11+12/2010



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