Besprechung des Titels: Med. in Deutschland
Der andere Weg in der Gesundheitspolitik

"Made in Germany" - einst DAS Symbol für Qualität schlechthin.

"Med. in Deutschland" - "Standort mit Zukunft" konstatiert der Autor Dietrich Grönemeyer bereits im Untertitel seiner 1999 erschienenen, 400 Seiten umfassenden Analyse. Mit diesem Untertitel nimmt sich Grönemeyer selbst in die Pflicht, der Leser erwartet nunmehr nachvollziehbare Begründungen für die eingangs aufgestellte These...

Grönemeyers Blick geht zunächst nach Großbritannien und Nordamerika. In England sorgt ein strenges National Health System für überschaubare Kosten bei monatelangen Wartezeiten auf minimale Behandlung, in den USA sind weite Teile der Bevölkerung überhaupt nicht krankenversichert.

Angesichts eines sich aller fünf Jahre verdoppelnden medizinischen Wissens, angesichts steigender Lebenserwartung, immer besserer Medikamente und medizinischer Geräte stellt sich unmittelbar die Frage nach der Bezahlbarkeit einer in Deutschland derzeit praktizierten Hochleistungs-Medizin. Die Gesellschaft muss sich also positionieren, welche Medizin sie will. Und das nicht nur bezogen auf die Kostenaspekte, sondern auch im Hinblick auf Fürsorglichkeit und soziale Nähe.

Grönemeyer macht deutlich, dass eine einseitige Kostendiskussion die Medizin ihrer eigentlichen Aufgabe berauben würde. Ausgangspunkt für die Analyse des Autors stellen die letzten 100 Jahre der deutschen Medizingeschichte dar. Dabei schlägt er einen Bogen von der klassischen Chirurgie über Immunologie bis hin zu Endoskopie, Mikro- und Lasertherapie.

Eigene Kapitel sind auch der Schmerztherapie, der Vorsorge, der Umweltmedizin, den Naturheilverfahren, der Telemedizin und der Rolle des Hausarztes gewidmet. Die Abschnitte enthalten neben den eingehenden Analysen und Sichtungen graphisch herausgestellte schlagwortartige Zusammenfassungen, daneben auch Fazite, Vorschläge, Forderungen und Literaturhinweise.

Der Autor legt ein komplexes, jedoch gut gegliedertes Werk vor. Es enthält zahlreiche Querverweise, Schwarz-Weiß-Fotos und schematische Abbildungen. Medizinische Fachbegriffe werden ausreichend erklärt, sodass auch der Laie den Gedankengängen folgen kann. Wichtige Zusammenhänge erfahren mehrfache Wiederholungen.

Die Kapitel über bildgebende Verfahren und interventionelle Radiologie verdienen besondere Anerkennung. Schmunzeln rufen Begriffe wie der des "Ökochonders" hervor.

Grönemeyer stimmt nicht ein in die häufig gehörten Klagen über eine Kostenlawine im Gesundheitswesen. Im Gegenteil, er ordnet dem deutschen System eine beispielhafte Rolle, gerade auch hinsichtlich der Qualität, zu. Der Autor verweist außerdem auf zahlreiche künftige Chancen innerhalb eines weltweiten Wettbewerbs: Vernetzung, Medizintourismus, Kooperation der Fachgebiete, Zusammenarbeit von Hochschulen und Industrie, Ausbau von Prävention und Rehabilitation.

Grönemeyer liefert damit hinreichend Beweise für seine These, dass "Med. in Deutschland" tatsächlich "Standort mit Zukunft" bedeutet. Der Autor untersetzt dies mit vielen guten Ideen.

Dem genervten Kassenpatienten bleibt zu wünschen, dass er dieses Buch in die Hände bekommt. Es dürfte zu einem erweiterten Verständnis bei ihm führen, gerade dann, wenn auch bei ihm ein Nachdenken darüber einsetzt, was Qualität im Sinne von "Med. in Deutschland" eigentlich bedeutet.

amazon.de,  19. Februar 2002



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