Dr. Claudia Pütz, Hamburg

Besprechung des Titels: Gesundheitswirtschaft
Gesundheitswirtschaft – die Zukunft für Deutschland

Dietrich Grönemeyer, Verfasser mehrerer Bestseller, ist einer der renommiertesten Ärzte Deutschlands und einer der wenigen Mediziner, die sich selbst als Unternehmer bezeichnen. In seinem neuesten Buch "Gesundheitswirtschaft – Die Zukunft für Deutschland" schlägt er einen interessanten Bogen zwischen der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung, deren solidarischer Finanzierung und der Rückkoppelung auf die Beschäftigungseffekte für den Standort Deutschland. Dabei lenkt er den Blick auf die enormen Wachstumspotentiale, die nach seiner Einschätzung in der Gesundheitswirtschaft liegen. Er zeigt einen Strauß voller Möglichkeiten auf, wie die positiven Wachstumsimpulse der Gesundheitswirtschaft nutzbar gemacht werden könnten. Sein Betrachtungswinkel umfaßt dabei nicht nur Gesundheitsversorgung im klassischen Sinn, sondern auch die damit verflochtenen Bereiche: von der Medizintechnik, Biotechnologie und Telematik über Fitneß und Wellness bis hin zur Gesundheitserziehung.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die von Leo Nefiodow aufgestellte These, daß "Gesundheit" Auslöser für die nächste lange Konjunkturwelle im 21. Jahrhundert sein wird, den sogenannten 6. Kontradieff-Zyklus. Darauf aufbauend beleuchtet Grönemeyer einzelne Detailaspekte im Gesundheitswesen, mit denen sich Wachstums- und Beschäftigungschancen realisieren ließen. Besonderes Augenmerk legt er dabei auf eine verbesserte betriebliche Gesundheitsförderung, die durch Nutzung "guter" Präventionsprogramme dazu beiträgt, den Krankenstand und damit die Produktionsausfallkosten und Lohnnebenkosten für die Arbeitgeber zu senken. Seine Überlegungen schließen mit der Forderung, daß das Gesundheitswesen als Wachstumsbranche ausgebaut werden müsse. Allein der politische Wille fehle hierzu noch. Um einen Anfang zu machen, hängt er einen Katalog mit 20 kurzfristig einzuleitenden Maßnahmen an: "Runde Tische", ein neues "Gesundheitswirtschaftminesterium", "Zusatzeinnahmen der Krankenkassen durch den Verkauf von Gesundheitsartikeln" oder "keine Schließung von Krankenhäusern".

Grönemeyers Grundgedanke ist verführerisch. Denn wer möchte in Zeiten schwacher Konjunktur nicht auch die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland in einer boomenden Gesundheitsbranche suchen. Aber genau an dieser politökonomischen Stelle wird deutlich, daß der Autor keinen wissenschaftlichen Globalansatz verfolgt. Seiner Argumentation fehlt eine fundierte ökonomische Analyse, warum sich die bereits heute in der Gesundheitswirtschaft schlummernden Wachstumschancen nur in Grenzen realisieren lassen. Denn in keiner anderen Branche redet man gleichzeitig von Überkapazitäten und Unterversorgung. Nirgendwo sonst führen Innovationen zu preistreibenden Add-on-Technologien ohne Effizienzgewinne. Kaum ein Wirtschaftsbereich ist an den nationalen Grenzen derart reglementiert, daß Exportchancen nur minimal genutzt werden können.

Dabei sind die Ursachen hierfür seit Jahren bekannt: Solange die Gesundheitsnachfrage nicht nach dem Preisausschlußverfahren geregelt wird und auf eine wettbewerbliche Steuerung des Versorgungsangebots verzichtet wird, entstehen Freifahrermentalität und angebotsinduzierte Nachfrage, die in einer Spirale von stetig steigenden Leistungsansprüchen und stetig steigenden Beitragssätzen enden. In dem vorhandenen Verantwortungsvakuum kuriert die Politik mittels Leistungskürzungen, Risikostrukturausgleich, Budgets und Zulassungsbeschränkungen nur an den Symptomen. Dabei läßt sie sich von einem kollektivistischen Menschenbild leiten, das beherrscht ist vom Glauben an staatliche Planbarkeit und Machbarkeit. Diesem unterliegt auch Grönemeyer mit seinen "Runden Tischen Med. in Deutschland", dem zu gründenden "Gesundheitswirtschaftsministerium" und der Forderung nach "betrieblichen Gesundheitsbeauftragten". Daß solche Maßnahmen nicht weiterhelfen, hat die Gesundheitspolitik in den letzten 20 Jahren ausreichend bewiesen.

Wachstum und Innovation entstehen gerade nicht durch den von Grönemeyer gewünschten staatlich gelenkten Planungsprozeß und dem verstärkten Einsatz steuerfinanzierter Subventionen, sondern durch einen Wettbewerb, der als Such- und Entdeckungsverfahren zu verstehen ist. Die diesem innewohnende Konkurrenz mit dem Wechselspiel von wettbewerblichen Vor- und Nachstoß macht Innovationen erst möglich. Komplexe Mechanismen wie Preisbildung, Gütertausch und individualisierte Vertragsbeziehungen sind Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum mit einem positiven Beschäftigungseffekt.

Die auf dem Solidarprinzipien beruhende Krankenversicherung ist in Deutschland gesellschaftspolitischer Konsens. Daher muß man sich darüber im klaren sein, daß es nur wenige Wege gibt, im Gesundheitswesen echtes Wachstum zu erreichen. Dazu gehört zum einen der konsequente Umbau der Krankenversicherung hin zu wettbewerbliche Steuerung in allen Bereichen und die Schaffung eines größeren Zusatzsegments von Wahlleistungen. Hier sind Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung des Versicherten so zu stärken, daß immer mehr Nachfrager bereit sind, für ihren wachsenden Bedarf an Gesundheitsleistungen echte Marktpreise zu zahlen. Das führt seitens der Anbieter von Gesundheitsbehandlung zu wirklichen Wachstumseffekten und einem Beschäftigungszuwachs. Zum anderen wird langfristig die Tragfähigkeit des solidarisch finanzierten Kerns der Krankenversicherung nur gegeben sein, wenn Einschränkungen im Versicherungsumfang und der Behandlerauswahl vorgenommen werden. Schade, daß Grönemeyer den Leser hierüber im unklaren läßt.

Insgesamt bleiben die Ideen Grönemeyers, wie er die Wachstumslokomotive "Gesundheit" in Gang setzen will, unvollständig. Ein großer Verdienst seines optimistischen Plädoyers ist es aber, den Blick wegzulenken von der einseitigen Diskussion um Kostenexplosion, Sparmaßnahmen und Lohnnebenkostensenkung und stattdessen die positive Beschäftigungsentwicklung der Gesundheitsbranche und seine Wachstumspotentiale in den Vordergrund zu stellen.



Gesundheitsökonomie und Qualitätsmanagement,  Heft 5, 10. Jahrgang, Oktober 2005



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