Henrik Ghanaat

Besprechung des Titels: Bio-Terry™
Handbuch für den Ernstfall

Die Gefährdung der Zivilbevölkerung durch biologische Kampfstoffe nimmt zu, das ist spätestens seit den Anthrax-Anschlägen in den USA klar. Ein Handbuch soll Gesundheitseinrichtungen dabei helfen, für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Der "Bio-Terry" bietet die entscheidenden Informationen in leicht faßlicher Form – und kann damit Leben retten: Denn im Ernstfall muß alles sehr schnell gehen.

Daß der "Bio-Terry" so ein anschauliches, überaus brauchbares Handbuch geworden ist, hat einen ganz einfachen Grund: Der Autor hat es für sich selbst geschrieben. Paul Rega arbeitet als Notarzt in den USA, wäre im Notfall also als "Kämpfer an vorderster Front" im Einsatz – so drückt er es selbst aus. Und da Paul Rega seinen Beruf sehr ernst nimmt, hat er sich jahrelang darum bemüht, Informationen über biologische Massenvernichtungswaffen, ihre Auswirkungen und die einzuleitenden Therapiemaßnahmen zu beschaffen. Mit mäßigem Erfolg. Denn er erhielt "entweder zu umfaßende oder zu kurz gefaßte" Informationen – jedenfalls keine, die er im Alltag, bei seiner Arbeit als Notfallmediziner, hätte verwenden können.

So entwarf Rega den "Bio-Terry", ein nüchtern dreinblickendes Männlein, das einen schematischen Überblick über die wichtigsten Körperfunktionen gibt und dazu dienen soll, die Symptome und den Ort ihres Auftretens übersichtlich darzustellen. Dieser "Bio-Terry" ist ein genialer Einfall. Allein 21 Symptome deuten etwas darauf hin, daß ein Patient mit dem Anthrax-Bazillus in Berührung gekommen ist. Lägen Sie nur in schriftlicher Form vor, eines an das andere gereiht, ergäbe das einen unübersichtlichen Wust. So aber ist binnen Sekunden erkennbar, an welchem Körperteil welches Kennzeichen zu beobachten ist. Es wird schneller klar, daß der Patient einem biologischen Kampfstoff ausgesetzt war und um welchen Stoff es sich dabei handelt. Die lebensrettenden Maßnahmen können also frühzeitiger eingeleitet werden.

Zwölf verschiedene Kampfstoffe, ihre Auswirkungen und die einzuleitenden Behandlungsschritte werden in dem Handbuch vorgestellt. Neben Anthrax sind das beispielsweise die Primäre Lungenpest, Q-Fieber, Ricin oder Pocken. Jedem dieser Kampfmittel sind nur vier, höchstens fünf Seiten gewidmet – eine gebotene Kürze, schließlich will der Autor auf keinen Fall "zu umfassende" Informationen liefern.

Der "Bio-Terry" ist stets am Anfang, auf der ersten Seite zu finden. Auf der zweiten Seite werden die wichtigsten Merkmale eines Kampfstoffes aufgelistet: die Art der Aufnahme in den Körper, die Inkubationszeit, Krankheitsbeginn und Krankheitsdauer. Letalität, Persistenz, Übertragungsrisiko sowie das diagnostische Material, mit dem der Erreger identifiziert werden kann. Auf der dritten Seite sind Hinweise zur Therapie und Prophylaxe abgedruckt: einzusetzende Medikamente, Maßnahmen zur Dekontamination und Absonderung. Eine Grafik auf der letzten Seite führt schließlich Dauer, Schwere und Verlauf der Krankheit vor Augen und zeigt, welche Symptome auf eine Verschlimmerung, welche auf eine Verbesserung hindeuten.

Daß die Verbreitung eines Handbuchs über den Umgang mit biologischen Kampfmitteln dringend geboten ist, zeigt eine von der US-Armee finanzierte Studie, die der Autor in seinem Vorwort anführt. Für diese Untersuchung wurden 61 Kliniken im Großraum Philadelphia befragt. Fast ein Viertel von ihnen hatten "keine Verfahrensvorgaben zum Umgang mit biologischen Vorfällen" erarbeitet, mehr als 60 Prozent wußten nicht, "an wen sie sich wenden sollten, sofern das Opfer eines biologischen Anschlags vorstellig wird". Nach Regas Ansicht ist dafür der hohe Zeitdruck verantwortlich, unter dem Klinikärzte stehen. "Terrorismus und Massenvernichtungswaffen stellen für diese Fachärzte unwahrscheinliche Ereignisse dar und stehen daher nicht sehr hoch auf ihrer Prioritätenliste".

An deutschen Kliniken sieht es wohl nicht besser aus. So bemängeln die Herausgeber der deutschen Fassung des "Bio-Terry" erhebliche Defizite in der ärztlichen Ausbildung. Das notwendige Grundwissen zur Abwehr von Gesundheitsschäden nach einem Kampfmittelvorfall werde an deutschen und österreichischen Universitäten "nur selten und unzureichend vermittelt".

Damit der deutsche Leser nicht nur mit den notwendigen Informationen versorgt wird, sondern sein Wissen auch auf dem neuesten Stand halten kann, ist die deutsche Ausgabe des "Bio-Terry" als Lose-Blatt-Sammlung erschienen. Sie soll zweimal jährlich aktualisiert werden. Allerdings muß der Käufer, wenn er in den Genuß der neuen Informationen kommen will, ein Abonnement abschließen. Jede Ergänzungslieferung kostet 18 Euro.

Von großem, im Ernstfall vielleicht von entscheidendem Nutzen ist die Notfallkarte, die dem Handbuch beigeheftet ist. Diese Karte paßt problemlos in jede Kitteltasche, auf ihr ist in tabellarischer Form vermerkt, bei welchem der im "Bio-Terry" erläuterten Erreger welche Symptome auftreten. Wer mehr als eine Karte braucht, kann beim Verlag eine beliebige Menge von ihnen nachbestellen.

Das Werk enthält darüber hinaus die Notrufnummern von deutschen und österreichischen Institutionen, die sich mit Infektionsschutz und Seuchenabwehr befassen: von Polizei und Feuerwehr über die Kompetenz- und Behandlungszentren der verschiedenen Bundesländer bis hin zu Labors, die sich auf die Erkennung einzelner Erreger spezialisiert haben. Auch an solchen Details wird klar: Der "Bio-Terry" ist ein Buch, das den Leser für den Ernstfall wappnen will. Wer es im Bücherschrank hat, kann allen Eventualitäten vielleicht nicht in Seelenruhe, aber doch ein wenig gelassener entgegensehen.

KMA Nr. 93,  März 2004



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